Vom Umgang mit unseren Gefühlen

Fachartikel von Gabriele Jöhren

„Trauer ist der Preis der Liebe“… diese Wahrheit wird jeder erleben, der sich auf das Abenteuer der Liebe eingelassen hat. Trauer ist ein sehr starkes Gefühl in uns, das sich immer dann meldet, wenn wir einen Verlust erleiden. Das ist in unserem Leben nicht nur bei Todesfällen der Fall.

Auch andere Abschiede wie der Verlust der Kindheit, der Jugend, der Gesundheit oder der Verlust der Heimat, wenn wir umziehen müssen, der Verlust eines Arbeitsplatzes und der Verlust von Kindern und Freunden, die irgendwann eigene Wege gehen, gehören dazu.

Unendlich schwer ist es immer, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Und auch bei einer Trennung oder bei Untreue stellt sich das Gefühl der Trauer ein.

Eine geschiedenen Frau und eine Witwe haben sich unterhalten über ihre neue Situation. Die Geschiedene meinte zu der Witwe, dass es ihr leichter fallen würde, wenn ihr Exmann einfach gestorben wäre. Das wäre schließlich Schicksal. Aber er lebt noch, mit seiner neuen Geliebten und wenn sie ihn sieht, fragt sie sich jedes Mal, „Warum? Was hat sie, was ich nicht habe?“

Trauer wird von vielen anderen Gefühlen begleitet und bei Verlusten ist auch immer ein Stück Wut und Ohnmacht enthalten. Wir trauern nicht nur um einen anderen Menschen, sondern immer auch um uns selbst. Wir sind verlassen worden von einem Menschen, der uns sehr wichtig war – und wer ist schon wichtiger, als ein geliebter Mensch?

Was ist nun Trauerbegleitung, worum geht es bei dabei?

In der Trauerbewältigung geht es darum, einen neuen Umgang mit den Gefühlen zu schaffen. Das Ziel ist in jedem Fall: „Finde einen Ausdruck für dein Gefühl, sieh hin, was im Augenblick an Gefühlen da ist und lass es fließen.“

Doch genau das haben wir nie gelernt. Schon früh haben uns unsere Eltern dazu angehalten, unsere Gefühle zu unterdrücken. Weinende Kinder werden sofort abgelenkt und wütende Kinder bekommen sofort eine Grenze gezogen, mit ihrem Wutgebrüll aufzuhören.

Unsere Gefühle wurden seit frühester Kindheit in die Schubladen „gut“ und „schlecht“ gesteckt. Die guten Gefühle wurden von unserer Umwelt willkommen geheißen, die schlechten wurden sofort unterbrochen mit Worten wie:

„Du brauchst keine Angst zu haben“, „stell dich nicht so an“, „so schlimm ist das nicht“, „hör sofort auf mit dem Geschrei“, „du willst doch keine Heulsuse sein“, „Indianer kennt keinen Schmerz“, „starke Jungs heulen doch nicht“ und so weiter – oder wir wurden mit Süßigkeiten abgelenkt.

Und so haben wir alle schon früh in der Kindheit gelernt, unsere „schlechten Gefühle“ zu verdrängen, die Tränen und die Wut herunter zu schlucken, damit wir nicht anecken bei unseren Eltern.

Kein Nein zu den Gefühlen, sondern ein Ja

Das Nein zum Gefühl ist jedoch fatal, denn durch Verdrängen und ignorieren ist das Gefühl zwar vordergründig verstummt, aber innerlich wirkt es weiter. Die Verdrängung entlässt es nicht, sondern sie hält es fest in unserem Inneren.

Jedes Ja zu einem Gefühl befreit es und bringt es zum Fließen. All unsere Gefühle gehören zu uns und sie sehnen sich nach Anerkennung und Annahme, genauso wie jeder Mensch anerkannt und angenommen werden will.

Wenn wir uns Zeit nehmen und unsere Gefühle wohlwollend betrachten, wenn wir ihnen die Erlaubnis geben, da zu sein und sie aus dem Dunkel der Ablehnung herausholen, dann können sie fließen und dann können sie irgendwann gehen.

Hilfe bei traurigen Gefühlen – Trauer kostet Kraft

Vielen Menschen gelingt das nicht alleine. Sie brauchen Hilfe und Begleitung und gerade bei den traurigen Gefühlen tut es vielen Menschen gut, wenn sie in ihrer Trauer gesehen werden. Doch damit stehen sie oft allein da, denn die Gesellschaft will von Trauer nicht viel wissen.

Dabei ist es sehr wichtig, dass die Gefühle fließen dürfen. Hier kann eine Trauerbegleitung wertvolle Hilfe sein, denn sei bietet den Raum für den Ausdruck der Gefühle.

Der erste Ausdruck für Trauer sind immer unsere Tränen. Wenn die Tränen fließen, wenn wir kräftig weinen können, fühlen wir uns danach erleichtert, aber auch erschöpft. Oft wissen wir nicht mehr, dass Trauer schwere innere Arbeit ist, die viel Kraft kostet.

Darum geht es in Trauerzeiten immer auch um Zeit für uns selbst, damit wir die Gefühle ausdrücken können. Das Thema Wut gehört ganz sicher zur Trauer und vor allem zum Verlassen werden und zur Untreue.

Was machen mit der Wut in mir?

Aber wie kann ich meiner Wut einen Ausdruck geben? Ich kann mein Bett verhauen und herumbrüllen, ich kann etwas an die Wand donnern und schreien (im Auto kann man super schreien, da stört man keinen) und toben. Wichtig ist es, die Energie der Wut heraus zu lassen aus meinem Körper, damit sie mich nicht krank macht.

Natürlich sollte man hierbei darauf achten, niemand anders oder sich selbst zu verletzen, aber es ist in jedem Fall ein wichtiger Schritt zur Bewältigung der Trauer.

Über den Umgang mit Wutgefühlen

Das Thema Wut hat in meiner Ausbildung sehr viel Beachtung bekommen. Eine ganze Woche lang haben wir uns mit Klagen und Wüten beschäftigt und uns so unserer verdrängten Wutgefühle angenähert.

Es war schließlich für alle sehr befreiend, als wir dann nach einer langen Wanderung mit einem Ast auf einen riesigen Baum einschlagen durften und hier unsere Wut über alte Schmerzen der Verlassenheit zum Ausdruck bringen durften. Danach haben wir uns viel besser und klarer gefühlt als zuvor.

Bei den Dramen, die sich oft bei Trennungen und Scheidungen abspielen, gibt es immer auch eine Menge Wut. Doch auch hier wird die Wut oft herunter geschluckt und verdrängt. Zuviel anderes drängt sich in den Vordergrund, der Alltag muss neu geregelt werden und wenn Kinder da sind, muss die Mutter oder der Vater angeblich stark sein.

Trotzdem wohnt die Wut in den Menschen weiter und brodelt im Inneren, wie ein schlummernder Vulkan. Und wenn sie keinen Ausdruck findet, kann sie irgendwann explodieren und sich Bahn brechen. Oder sie richtet im Inneren dauerhafte Schäden an.

Ein Beispiel aus der Praxis zur Trauerbewältigung:

Ich habe in Einzelsitzungen einmal mit einer Frau gearbeitet, die ein solches Trennungsdrama erlebt hatte. Hier gab es viel Theater um die beiden Kinder und das Sorgerecht. Darüber hinaus hatte sie durch Zufall versteckte Konten entdeckt, die der Mann in der Ehezeit heimlich angelegt hatte.

Ihre Wut haben wir in einer Sitzung besprochen und ich gab ihr ein Nudelholz und eine Matratze. Eine volle halbe Stunde hat sie auf die Matratze eingedroschen mit einer vehementen Energie. Sie schrie dabei ihre Wut und Enttäuschung heraus und ich machte ihr Mut, nur ja allen Frust auszusprechen.

Danach war sie völlig erschöpft, aber auch mehr im Frieden mit dieser leidigen Geschichte. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich sehr verändert, klarer und weicher blickte sie nun in die Welt und die große Erleichterung spürte sie am ganzen Körper. Ja, es war richtig gewesen, ja, sie durfte wütend sein und ja, sie durfte schreien, toben und fluchen.

In der Folgezeit entwickelte sie neue Energien, um ihr Leben zu ordnen, sie hatte mehr Kraft für ihren Alltag und für ihre inzwischen pubertierenden Kinder. Ein Jahr später lernte sie einen neuen Partner kennen, mit dem sie später zusammen gezogen ist. Und auch in ihrer neuen Beziehung achtet sie mehr auf sich und ihre Bedürfnisse. Sie hat gelernt, mehr und besser für sich zu sorgen.

Das möchte ich Ihnen ans Herz legen: Lernen Sie, gut für sich zu sorgen, Ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen und ehrlich mit sich und den anderen umzugehen. Je besser Sie sich selbst kennen, je mehr Ausdruck für Ihre Gefühle Sie finden, desto gesünder und glücklicher werden Sie leben können.

Hilfen gibt es bei Therapeuten und Trauerbegleitern und auch in Büchern.

Haben Sie Sorgen dieser Art? Dann kommen Sie auf mich zu. Gemeinsam finden wir eine Lösung für Ihr Anliegen.

Alles Gute für Sie

Euch zum Trost: Ein Ratgeber zur Trauerbewältigung mit bewährten und hilfreichen Ritualen - Jetzt kaufenGabriele Jöhren
(www.abschied-trauer-trost.de)

Über die Verfasserin dieses Fachartikels:

Gabriele Jöhren ist:

Lebens-und Trauerbegleiterin
Trauerrednerin seit 2001
Hochzeitsrednerin
Autorin

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